»Ich habe einen Text ins CMS geschrieben und nachdem ich auf Speichern geklickt habe, war er plötzlich weg!« Hätten wir für jeden Anruf diesen oder ähnlichen Inhalts fünf Euro in ein Kässchen getan, dann wären wir zwar immer noch nicht für alle Zeiten aus dem Schneider, aber für ein Abendessen in einem Sternerestaurant würde es längst reichen. In 99% der Fälle ist die Ursache ein und dieselbe: Der Text enthält ein Zeichen, das zwar als Apostroph gedacht war, aber in Wirklichkeit keiner ist, sondern ein Fuß- bzw. Minutenzeichen. Und dieses Zeichen ist nicht nur typographisch falsch, aus Sicht des CMS ist es sogar nachgerade Gift.
»Hä?«, lautet in wiederum 99% der Fälle die erste Reaktion des Gegenübers, dem man diesen Sachverhalt schildert. Kompliziert ist es gottlob nur auf den ersten Blick – aber klären wir zunächst mal die technische Ebene. In quasi jeder Programmiersprache spielen zwei Satzzeichen eine zentrale Rolle: das Zoll- und das Fuß-/Minutenzeichen, weil sie Anfang und Ende von was auch immer zweifelsfrei abstecken. Normalerweise sollte der alltägliche Sprachgebrauch zumindest in Ländern mit metrischem System – also etwa unserem – weitestgehend ohne diese Einheitenzeichen auskommen, dummerweise gab es an irgendeinem Punkt in der Geschichte die fatale Fehlentscheidung typographischer Banausen, die beiden Zeichen auf die Tastenkombinationen Shift+2 bzw. Shift+# zu legen. Wie und warum auch immer diese Entscheidung zustande kam, jedenfalls sind seither beide dieser eigentlich seltenen Zeichen omnipräsent, weil nahezu jeder sie anstelle von Anführungszeichen bzw. Apostroph verwendet – im Übrigen keineswegs nur typographische Laien.

Recht ist nur eine Lösung, nämlich – Überraschung: die in grün! Bei den anderen Versuchen handelt es sich (von oben nach unten) um ein Fuß-/Minutenzeichen, einen Akzent über einem Leerzeichen und ein einteiliges schließendes Anführungszeichen.

Oben das, was leider (fast) alle nehmen. Während der Kenner das untere – im Gegensatz zum oberen statthafte – Modell wählt.
In Datenbanksprachen – und Datenbanken bilden nun mal meistens die Basis eines CMS – stehen die Fuß-/Minutenzeichen z. B. für Anfang und Ende eines Feldinhalts. Nehmen wir an, ein Feld heißt »headline« und sein Inhalt lautet »Morgen Kinder wird’s was geben«, übermittelt das CMS an die Datenbank in etwa so was:
'headline' = 'Morgen Kinder wird’s was geben'
Achten Sie auf die Unterscheidung zwischen dem Fuß-/Minutenzeichen, das Feld und Inhalt einklammert und dem korrekten Apostrophen bei wird’s. Die lassen sich zwar in manchen Schriften und in kleineren Schriftgraden nur unterscheiden, wenn man ganz genau hinsieht, aus Sicht der Datenbank ist das Spiel aber zu Ende, wenn der Apostroph bei wird’s kein Apostroph ist, sondern ein Fuß-/Minutenzeichen. Was ab jetzt passiert, hängt vom jeweiligen CMS und der entsprechenden Stelle ab, schlimmstenfalls wird es aus Sicht der Datenbank als Syntaxfehler betrachtet, also nichts gespeichert. Was in der Folge zielsicher in den eingangs geschilderten Anruf mündet.
Normalerweise zeigt sich das Gegenüber nach dieser kleinen Exkursion in die Feinheiten einsichtig und schwört Stein und Bein, in Zukunft ausschließlich typographisch korrekte Anführungszeichen und Apostrophen zu verwenden. »Und wie gebe ich die nun ein?«, lautet die nächste Frage. Die uns aus dem Stegreif freilich erst mal überfordert, weil wir im Gegensatz zu den meisten Gegenübern so gut wie nie mit Windows-Rechnern Texte schreiben. Dazu kommen die Tricks der diversen Textprogramme, sodass (von außen) nie ganz klar ist, was tatsächlich getippt wurde und was als Ergebnis eines programminternen Umwandlungsfeatures erscheint (einem nur bedingt tauglichen Versuch, dem geschilderten Problem auszuweichen). Also heißt es herumsuchen und am besten eine E-Mail mit Quellen nachschieben. In Zukunft werden wir – man ahnt es sicher schon – standardmäßig auf diesen kleinen Artikel hier verweisen, auf dass er den Lesern zur Einsicht und zum Plaisir gleichermaßen gereicht.
Aufgrund von »Computerproblemen« zu korrekter Zeichensetzung zu gelangen, hört sich zugegebenermaßen ein wenig seltsam an, schließlich trug die Massencomputerisierung nicht unwesentlich zur Verwilderung der Schreibkultur bei. Aber wer fragt schon nach dem Weg, wenn das Ziel im hellen Lichterkranz erstrahlt? Das Wort »Schreibkultur« ist ja nicht zufällig gewählt, jenseits von Datenbankfragen ist es im Grunde das, worum es in Wirklichkeit geht: Kultur. Sicher stirbt eine Gesellschaft nicht daran, dass sich keiner mehr an typographische Regeln hält, aber sie würde auch nicht daran sterben, wenn man, sagen wir: dazu übergehen würde, dass alle nach dem Essen laut rülpsen, weil so ein Bäuerchen physiologisch betrachtet durchaus gesund ist und außerdem Erleichterung verschafft. Was uns daran hindert, sind lediglich ästhetische Erwägungen, die aber nun mal Eingang in unseren kulturellen Kanon gefunden haben – genau dem Gebinde also, das auch die ganzen Anführungszeichen, Apostrophen, Kapitälchen und Ellipsen enthält.
Dass vor vielen Jahren ein paar Entscheidungsträger außerstande waren, die typographischen Elemente dieses Kanons auf ein Tastaturlayout zu übertragen, ist zwar bitter und erklärt so ziemlich die ganze Misere, aber wenigstens vom guten Willen zu besserer Typographie sollte das keinen abhalten, man braucht nur ein paar Finger mehr dazu.
#1 | Markus Merz | 31.10.06, 14:50
Das ist übrigens mit ein Grund, warum ich häufig für klassischen Fließtext Open Office Writer als banalen HTML Editor missbrauche. Alle häufig benötigten HTML tags liegen inkl. Parameter auf Tastaturkürzeln und Open Office sorgt im Fließtext für saubere Typographie.
Dasselbe gilt natürlich bei der Verwendung von Textile. Textile ist natürlich deutlich einfacher und deutlich übersichtlicher als verschwurbelter HTML Code.
#2 | Ralf Schmid | 02.11.06, 10:58
Open Office für den Mac ist so eine Sache: wahlweise ist eine X11-Fassung für Nerds zu haben (die in der Mac-Welt nicht so zahlreich sind) oder die Betafassung eines Derivats namens NeoOffice. Beides will mich erstens nicht vom Hocker reißen, zweitens scheint der Ehrgeiz der OpenOffice-Entwickler ein gutes Stück darin zu liegen, einen möglichst originalgetreuen Word-Ersatz zu erzeugen, der zwar an vielen Stellen besser gelöst sein mag, dennoch finde ich bereits den Grundansatz unbefriedigend. Das aber nur am Rand, mit dem Typographieproblem hat das ja wenig zu tun – jede Lösung, die zu besserer Typographie führt, ist eine begrüßenswerte Lösung.
#3 | Benny | 09.02.07, 00:00
Entschuldigung, aber wenn ein CMS Probleme mit Single- und Doublequotes hat, würde ich es schleunigst wechseln.
Denn dann werden diese Zeichen nicht richtig geschützt und dann ist das CMS höchstwahrscheinlich anfällig für SQL-Injection, eine der bekanntesten Sicherheitslücken.
Kein Apostroph zu benutzen mag zwar häßlich und unkorrekt sein, die diversen Ersatzsonderzeichen von Word und Co. herauszuparsen um sie in korrekte HTML Entities zu wandeln ist technisch gesehen weitaus schwieriger, als die Quotes zu ersetzen, die im Übrigen ASCII Zeichen sind und daher auch in jeder Schrift vorhanden. Eine solche Ersetzung sollte IMHO ein CMS abnehmen, dafür ist es da.
Die hier im Blog verwendt ‘Textile Engine’ ersetz sie z.B. (allerdings nicht in deutsche Apostrophen :)
#4 | Ralf Schmid | 09.02.07, 07:00
Schon klar, dass sich Zeichen ersetzen lassen und das in aller Regel auch passiert. Mal so eben das CMS wechseln ist allerdings nicht an jeder Stelle das, was beim Gegenüber überschäumende Begeisterung auslöst, um es diplomatisch auszudrücken. Am Kulturgut Interpunktion ändert es ohnehin nichts, der Zollzeichenschrott etc. findet sich ja genau so an Millionen anderer, datenbank- bzw. CMS-ferner Plätze.