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Die 100 besten Schriften

Nehmen Sie irgendeinen Brief, den Ihnen ein Geschäftspartner, ein Bewerber, eine Behörde oder wer auch immer geschickt hat, und versuchen Sie, die Schrift zu identifizieren, die für den Brieftext zum Einsatz kam, dann schaffen Sie das in mutmaßlich mehr als 90 Prozent der Fälle auch ohne typographische Detailkenntnisse, weil es sich um die »Arial« handeln wird. Gründe für diese alles erdrückende Dominanz gibt es einige, überlegene typographische Qualität zählt freilich nicht dazu – im Gegenteil darf man der Arial getrost lausige Proportionen, uninspirierte Detailformen und schlecht austarierte Zeichenabstände bescheinigen und als Konsequenz aus dem Zusammenspiel dieser Faktoren ein Schriftbild äußerster Grobschlächtigkeit.

Schriftprobe Arial

Betrüblich ist nicht nur, dass sich ausgerechnet diese ungute Schrift zum De-facto-Standard entwickelt hat, sondern dass es in dem Kontext überhaupt einen De-facto-Standard gibt. Der bringt nämlich – im Gegensatz zu, sagen wir: standardisierten Schraubengewinden – keinerlei Vorteile, sondern führte zu einem öden Einerlei, das sich längst zum undurchdringlichen und ununterscheidbaren visuellen Gematsche vermengt hat. Einem weltweiten übrigens, was es nur noch schlimmer macht. Global gesehen kommen sicher einige tausend verschiedene Spülmittel zur Anwendung, Legionen unterschiedlicher Schokoriegel werden verzehrt und selbst bei Mausefallen würden Sie staunen, welchen Artenreichtum es gibt. Und ausgerechnet bei Schriften sollen alle zusammen mit einer einzigen auskommen und das soll gut sein so? Eine 1992 von Microsoft-Leuten (aus reinem Eigeninteresse) getroffene Entscheidung gibt die Richtung vor, und binnen kürzester Zeit schwenkt die Welt in ihrer Mehrheit ein? Ohne jede Not zumal, einer läppischen Voreinstellung des Computers wegen? Sie müssen zugeben, dass diese Vorstellung etwas Groteskes hat.

Dass sie gelebte Realität ist, zählt zu den eher niederschmetternden Aspekten unserer Zivilisation. Der Mensch neigt offenbar zur Bequemlichkeit – warum sich mit neuartigen Entscheidungen plagen, wo es doch bereits getroffene gibt? Dazu gruppiert sich Unsicherheit, Typographie ist nun mal keine Disziplin, bei der »Normalschreiber« glauben, über Grundwissen verfügen zu müssen – verwunderlich eigentlich, immerhin schreibt so gut wie jeder, und man kann nicht »nicht-typographisch« schreiben, also warum nicht den einen oder anderen Gedanken daran verschwenden? Nur: Wo anfangen damit?

Glücklicherweise findet der Mensch auch Freude an Hitparaden oder »Rankings«, um es zeitgemäßer auszudrücken. Rankings nach dem Muster Die x y aus z, wobei x für die Gesamtzahl steht (oft 100), y für das Attribut (»bedeutendste«, »beste«, »beliebteste« etc.) und z für den Fundus, den es räumlich und/oder zeitlich zu durchforsten gilt (»Deutsche aller Zeiten«, »Nervensägen des 20. Jahrhunderts« u. a.). Eine gute Idee also, typographisches Grundwissen mit einem Ranking zu verknüpfen, und genau das macht Jürgen Siebert im Fontblog mit den »100 besten Schriften aller Zeiten«. Okay, es ist eine kommentierte Liste – zum Schriftvirtuosen werden Sie damit nicht gleich, aber um empfehlenswerte Lektüre handelt es sich fraglos. Und sei es nur, um mal hineinzuschnuppern in eine vielleicht noch gänzlich unerforschte Welt.

Nachtrag 24.01. Soeben wurde eine ganze Website zur Schriftenhitparade eröffnet. Und um das Maß voll zu machen gibt es auch noch ein Heft zum Bestellen bzw. Runterladen.

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