In Zeiten, in denen gefühlte 80 Prozent aller Druckerzeugnisse unbesehen in die Senkrechtablage wandern, hat die Blindprägung verständlicherweise einen schweren Stand. Umso schöner, wenn sich die Gelegenheit ergibt, eine hochwertige Drucksache für den langfristigen und nachhaltigen Einsatz zu gestalten, wo solche Veredelungstechniken allemal ein Thema sind.

Unsere jüngste Arbeit auf diesem weiten Feld ist eine Angebots- und Präsentationsmappe für unseren Kunden Henne-Unimog in Heimstetten. Wer deren Schlüsselprodukt Unimog kennt, weiß, dass es ein quasi konkurrenzloses Fahrzeug in seiner Klasse ist, entsprechend selbstbewusst durfte die Mappe also ausfallen – bei gleichzeitigem Verzicht auf jedes vordergründige Getöse. Sie beschränkt sich auf die wesentlichen Kernelemente Logo und Firmierung auf hellgrauem Fond, den subtilen und äußerst eleganten Höhepunkt bildet die Blindprägung eines Unimogs auf der Deckklappe.
Wenn die Mappenempfänger ansatzweise so reagieren wie die Teilnehmer unserer kleinen internen Testreihe, wird die Mappe ihren Weg gehen: der erste Impuls war in allen Fällen ein versonnenes, fast ein wenig ehrfürchtiges Abtasten des Reliefs, begleitet von vielen Ahs und Ohs, mehr kann man kaum verlangen. Schauen wir uns aber mal an, wie so etwas gemacht wird. Die folgende Abbildung zeigt das zugrunde liegende Prinzip:

In den Prägestempel aus massivem Messing sind Vertiefungen eingearbeitet, die im Papier erhaben erscheinen. Unter dem Papier liegt eine Gegendruckform (Patrize), die aus einem Abguss des Prägestempels gewonnen wird und in unserem Fall aus Kunstharz besteht. Das Papier wird durch einen entsprechenden Anpressdruck zur Verformung gezwungen. Dabei muss man sich mitnichten auf erhaben oder nicht erhaben beschränken, das Ergebnis lässt sich fein steuern. Wichtig ist z. B. der Neigungswinkel α, wobei gilt: spitzer Winkel = harte Kontur, stumpfer Winkel = weiche Kontur, es ist auch ohne weiteres möglich, in einem Stempel mit verschiedenen Winkeln zu arbeiten. Die Tiefe h der Gravur bestimmt die Höhe des Reliefs, auch sie kann innerhalb eines Stempels variieren. Soviel zur Theorie.

© Foto: DaimlerChrysler AG
Der erste Praxisschritt bestand in der Auswahl einer geeigneten Vorlage, bei allem Talent wollten wir keinen Unimog aus dem Gedächtnis zeichnen. Wir entschieden uns für eine leicht gedrehte Frontalansicht, weil sie wesentlich dynamischer und markanter wirkt, als die (leichter zu zeichnende) Seitenansicht. Es ist klar, dass die Umsetzung als Relief immer eine Vereinfachung darstellt, die Kunst beim Zeichnen lag also primär im Herausschälen möglichst prägnanter Elemente:

Die fertige Zeichnung trifft eine klare Aussage: alles was schwarz ist, soll erhaben erscheinen. Zur Schonung des Abstraktionsvermögens eignet sich der Relief-Ebenenstil in Photoshop, mit dem sich die Prägung einigermaßen realistisch simulieren lässt:

Als nächstes wurde ein Positivfilm in Originalgröße belichtet, der dem Graveur als Vorlage für den Stempel dienen sollte. Falls Sie sich an dieser Stelle wundern, dass echte Handarbeit ins Spiel kommt, lohnen sich einige grundsätzliche Überlegungen. Lassen wir die Vorlage einmal beiseite, ist die Qualität einer Blindprägung immer noch von vielen Faktoren abhängig. Von zentraler Bedeutung ist zunächst das Material, in unserem Fall Hello matt, 400 g/qm, beidseitig mattfolienkaschiert. Dünnere Papiere erlauben zwar feinere Details, dafür ermöglicht unser sehr gut verleimter Karton relativ tiefe Prägungen, weil die Gefahr des Aufreißens sehr gering ist. Und natürlich muss auch der Drucker sein Handwerk beherrschen, stimmt der Pressdruck nicht, kann der Stempel und das Material noch so gut sein, die Prägung bleibt dennoch bescheiden. Ein komplexes Zusammenspiel also, das einiges Fingerspitzengefühl erfordert, was wahrlich nicht zu den Königsdisziplinen von Maschinen zählt.

Ein guter Graveur arbeitet Hand in Hand mit dem Drucker und kennt das Material. Am wichtigsten sind aber Eigenschaften, die keine noch so hochentwickelte CNC-Maschine dieser Welt je mitbringen wird: Gespür und Feinsinn. Zu erkennen, wo man noch einen Tick tiefer geht und wo ein Quäntchen steiler, mit der richtigen Mischung aus kühler Präzision und künstlerischer Interpretation das Motiv Stück für Stück herauszuarbeiten, so etwas schaffen nur echte Könner. Das Ergebnis sind Prägungen, die jedes maschinelle Pendant arm aussehen lassen.

Der Plastilinabdruck, mit dem der Graveur seine Arbeit immer wieder überprüft, lässt erkennen, worauf es ankommt, achten Sie nur mal auf den Kotflügel, der etwas tiefer gearbeitet wurde als das »dahinter« liegende Reifenprofil, und deshalb deutlich weiter im Vordergrund zu liegen scheint. Solche Details können Sie mit Maschinen vergessen.
Nach Fertigstellung des Prägestempels konnte der Drucker loslegen. In mehreren Arbeitsschritten verwandelte er die Kartonbögen in die einsatzbereiten Mappen:

Die Detailaufnahme der fertigen Mappe kann mit der Realität zwar kaum mithalten, weil Blindprägungen von wechselnden Lichteinfällen und zu einem guten Stück vom Tastsinn leben. Eine ungefähre Vorstellung kann sie immerhin bieten, interessant scheint uns auch die Gegenform, die sich auf der (vollflächig blau bedruckten) Innenseite ergibt.
Bleiben nur noch ein paar herzliche Dankeschöns: