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Erkenntnisse aus der Senkrechtablage

Es gibt sicher mehrere Arten, ein Web-Projekt anzugehen, eine besonders unbefriedigende entwickelt in den letzten Jahren aber ein Maß an Beliebtheit, das sich umgekehrt proportional zu unserer Lust am Mitspielen verhält.

Eröffnet wird der Reigen mit der offenbar wahllosen Aussendung eines »Pflichtenheftes« an unterschiedlich viele, hastig zusammengegoogelte »Dienstleister«, mitunter bis zu zwanzig. Dieses Pflichtenheft (was für ein eiferndes, kleinkariertes Wort übrigens) besteht meist aus 40 oder 50 Seiten, mit deren Abfassung man wahlweise die hausinterne IT-Abteilung oder einen externen IT-Consultant betraut hat. Vorne drauf trägt es eine Versionsnummer, innen drin sorgt ein pedantisches Numerierungssystem für Ordnung (1, 1.1, 1.1.1, 1.1.1.1 usw.).

Die Lektüre gerät in der Regel zur harten Geduldsprobe. Bald wird klar, dass der Verfasser alles zur Kenntnis genommen hat, was die zeitgenössische Internet-Technik feilbietet und – ganz wichtig – das komplette Zeug selbstverständlich auch eingebaut werden muss, schließlich positioniert man sich in einer wie auch immer gearteten Spitzengruppe, da lässt man sich ungern lumpen. Haarklein werden die Anforderungen ausformuliert:

Der Chefredakteur richtet Unter-Redakteure ein, die zwar Beiträge einpflegen dürfen, die aber erst dem Chefredakteur vorgelegt werden müssen, der sie entweder freigibt oder zur neuerlichen Bearbeitung an den Unter-Redakteur zurück verweist. Unbedingt vonnöten ist überdies, dass dem Chefredakteur die jederzeitige Möglichkeit gegeben ist, selbständig neue Navigationsbuttons einzupflegen.

Zu finden nicht in der Nähe des Schlusses, wie man erwarten würde, sondern unter Punkt 1.1.3, Freigabeworkflow. Ein anderer Klassiker, ebenfalls meist recht weit vorn angesiedelt, bei den drängenden Fragen:

Der Auftragnehmer hat sicherzustellen, dass Dateien zum Download auf den Server verbracht werden können, insbesondere in den Formaten PDF, MS Word und Excel. Sämtliche Dateien müssen mit der systemeigenen Suchfunktion (Volltextsuche) durchsuchbar sein.

So oder ähnlich zieht es sich hin, Seite für Seite. Weiter hinten wird es dann schon schwammiger. Dort folgen die Passagen, in denen darauf hingewiesen wird, was das auftraggegebende Unternehmen schon so alles hat. Irgendein namenloses Warenwirtschaftssystem zum Beispiel. Oder eine teuer erworbene Software zur Abwicklung der betriebsinternen Kommunikation. Oder (noch auf DOS basierende) Eigenbasteleien des früheren IT-Leiters. Aus Kostengründen muss natürlich alles zwingend in die neue Web-Plattform »implementiert«, manchmal sogar »migriert« werden.

Gespannt blättert man weiter, auf der Suche nach dem wichtigsten: einer Vorstellung, was mit der neuen Plattform eigentlich erreicht werden soll. Welche Ziele kurz-, mittel- und langfristig angestrebt werden, welche Zielgruppen wie und womit gewonnen und/oder bei der Stange gehalten werden sollen. Oder wie es um die internen Kapazitäten bestellt ist, die auserkoren sind, die Plattform mit Leben zu füllen. Darüber steht in dieser Art von Pflichtenheft entweder gar nichts oder man beschränkt sich auf ein paar Phrasen, wie sie an jeder Ecke gedroschen werden. Als ob man ein Bild an die Wand zu hängen plant und sich ausschließlich um den Hammer, die Nägel und den Prozess des Nageleinschlagens kümmert, ohne dem Bild auch nur die geringste Beachtung zu schenken.

Erste Kernsätze tauchen vor dem inneren Auge auf, die man den Verfasser gerne so oft schreiben lassen würde, bis sie sitzen:

Eine Website ist kein Computerprogramm, sondern ein Ort, an dem Menschen mit Menschen kommunizieren.

Den Besuchern der Website ist nämlich ziemlich egal, was die befugten oder nicht so befugten Redakteure treiben und wer die Navigationsbuttons einpflegt. Sie interessiert auch nicht, was genau wie durchsuchbar ist, sondern ob ihre jeweiligen Wünsche zur Erfüllung gelangen. Mit Punkt 7.2.4.1, Benutzerführung ist es leider nicht getan, der beschränkt sich meistens darauf, das innerbetriebliche Organigramm ins Hauptmenü zu packen, das außerhalb des Unternehmens freilich ebenfalls niemanden schert.

Sehr bezeichnend für die dahinter stehende Geisteshaltung ist der ungefähre Punkt 10.4.7, Grafische Entwürfe, der als so marginal betrachtet wird, dass er im Angebot, das sich aus Gründen der besseren Vergleichbarkeit unbedingt an das vorgegebene Nummernschema zu halten hat, gar nicht extra beziffert werden muss, sondern gleich Teil des Angebots ist:

Dem Angebot sind zwei verschiedene grafische Entwürfe zur Auswahl beizulegen (jeweils bestehend aus Start- und Folgeseite) aus denen insbesondere die geplante Navigationsstruktur (Buttons) ersichtlich ist (siehe hierzu Abb. 17.1).

Abb. 17.1 zeigt zwei nebeneinander stehende graue Balken (links Navigation, rechts Content), an denen sich »der Anbieter bei der Erstellung der grafischen Entwürfe orientieren soll«. Spätestens hier scheinen Kernsätze nicht mehr ausreichend, man möchte vielmehr das Papier zusammenrollen und den Verfasser damit auf den Kopf schlagen, in der schwachen Hoffnung, dass ein halbwegs als solcher zu bezeichnender Denkprozess einsetzt.

Also legen wir das trübe Elaborat lieber mal beiseite und schauen, wie es weitergeht. Jetzt kommt nämlich die im Titel angekündigte Senkrechtablage ins Spiel, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens haben wir es bis heute nicht vermocht, die Beteiligung an Ausschreibungen dieser Kategorie in einen Auftrag münden zu lassen: Immer steckten mehrere Tage Arbeit drin, die jeweils im Papierkorb landete. Inzwischen sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass es auch besser so ist. Weil wir uns zweitens nämlich nie verkneifen können, einige Monate später nachzuschauen, was aus dem Projekt schlussendlich wurde, mit dessen Umsetzung statt uns ein »wirtschaftlicherer Anbieter« beauftragt wurde. Ausnahmslos immer hätten wir herzlich gelacht, wäre das Ergebnis nicht so bejammernswert schlecht ausgefallen. (In etwa so wie das Pflichtenheft, insofern erwies es sich immerhin als aussagekräftig.) Krude Machwerke, die bestenfalls den Charme von Systemmeldungen ausstrahlen, aus deren Jargon sie sich seltsamerweise gern bedienen. Was wirtschaftlich daran sein soll, auch nur einen Cent in solche Codeleichen zu investieren, die erkennbar zu keinerlei Erfolg führen werden, verstehe wer will – genauso gut hätte man das Geld auch gleich auf die Straße werfen können, dann hätte es wenigstens bei ein paar Passanten Freude ausgelöst.

Und bitte jetzt nicht den Vorwurf, wir wären schlechte Verlierer. Natürlich kann immer nur einer den Job bekommen und wir sind durchaus in der Lage, eine gute Arbeit anzuerkennen, auch wenn sie nicht von uns stammt. Wenn der Beauftragung ein sinnvolles Auswahlprocedere voranging, bei dem andere Kollegen für geeigneter befunden wurden, ist das zwar nicht gerade erfreulich, aber in jeder Hinsicht akzeptabel – so sind nun mal die Regeln. Das Versenden von Pflichtenheften der geschilderten Art wird allerdings kaum als sinnvolles Procedere durchgehen, schon weil es solchen Auftraggebern im Grunde einerlei ist, mit wem sie zusammenarbeiten, gefragt ist nicht mehr als ein reiner und möglichst billiger Lieferant.

Die Konsequenz ist hart, aber gerecht: An Ausschreibungen, denen eindeutig eine fehlgeleitete Denkweise zugrunde liegt, werden wir uns in Zukunft nicht mehr beteiligen. Dass ein milieufernes Unternehmen sich mit der Konzeption einer komplexen Website überfordert sieht, ist ja keine Schande, sondern der Normalfall. Also liegt es nahe, sich möglichst früh gute Leute ins Boot zu holen, die sich mit Kommunikation, Design und Technik gleichermaßen auskennen. Die Vorstellung, es würde reichen, einem IT-Spezialisten die »Konzeption« zu überlassen und sich dann ein paar Programmierer zu suchen, die das Ding herunter schrubben, ist einfach nur abenteuerlich – bei keinem anderen Kommunikationsmedium käme man auf solche Ideen.

Zumindest in unserem Fall zeigt jede Erfahrung, dass die erfolgreichsten Projekte dann zustande kommen, wenn wir von Anfang an involviert sind, und zwar weniger als Lieferanten, sondern als ernstzunehmende Partner. Und wir sind überzeugt, dass dies nicht nur für uns gilt – ein wenig mehr als Code schreiben steckt nämlich in jedem Fall dahinter.

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