Alles schien schlau eingefädelt: Lidl würde mit supergünstigen Tickets locken, was nicht nur dem Discounter Kunden, sondern auch der Bahn neue Reisende bescheren würde. Die reisewilligen Massen zeigten sich erwartungsgemäß begeistert, schon um vier Uhr morgens wurden erste Schnäppchenjäger vor den Filialen gesichtet, auf Campingstühlen, ausgestattet mit Butterstullen und Thermoskannen. Eine Stunde nach Ladenöffnung war schon alles vorbei, die Tickets restlos ausverkauft. »Für uns ist das ein großer Erfolg«, konstatiert Konzernsprecher Gunnar Meyer. Ziel sei gewesen, ein Bewusstsein für billiges Bahnfahren zu schaffen und vor allem Nicht-Bahnfahrer anzulocken, sekundiert Bahnchef Hartmut Mehdorn. Also alles prima.
Aus Sicht der Kommunikation muss indes die Frage erlaubt sein, ob sich nicht beide Unternehmen einen Bärendienst erwiesen haben. Dem kleinen Häuflein Glücklicher, die eines oder mehrere Tickets ergattern konnten, steht ein Riesenheer Unglücklicherer gegenüber, die zwar ewig, aber leider umsonst in der Schlange herumgestanden sind. Böse Worte wie »Verarschung« fielen, differenziertere Stimmen sprachen von »Lockangeboten«, zu allem Entschlossene kündigten gar den sofortigen Wechsel zu Aldi an. Dazu das nicht ganz unverständliche Gezeter der Reisebüros im Verbund mit dem Protest von Verbraucherverbänden.
Es bleibt zu vermuten, dass das ohnehin schon ramponierte Image der Bahn durch diese Aktion nicht wesentlich aufpoliert wurde. Das »Bewusstsein für billiges Bahnfahren« dürfte beim Verbraucher schon hinreichend ausgeprägt sein, falls nicht, bleibt unklar, warum ausgerechnet solches Bewusstsein tauglich sein sollte, die Akzeptanz der unisono als überteuert und undurchdringlich empfundenen Tarifstruktur zu steigern.
Was uns die Bahn auf deutsch gesagt mitteilt: »Wenn Sie günstig Bahnfahren wollen, stehen Sie zeitig auf, ziehen sich was Warmes an und kampieren vor einem Lidl Ihrer Wahl. Dann haben Sie ziemlich gute Karten. Wenn Ihnen das zu umständlich ist, müssen Sie sich eben wie gewohnt durch unseren Tarifdschungel kämpfen. Ein Kampf ist es also in jedem Fall, der eine preiswert, der andere deutlich teurer. Letzteres haben Sie spätestens jetzt begriffen, das nötige Bewusstsein dafür verdanken Sie uns, Ihrer Bahn AG.«
Eine interessante Kernbotschaft. Ob es aber wirklich das ist, was die Bahn eigentlich meinte, weiß vermutlich niemand so recht.