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Kleines Brillenbrevier

Nahe am Nichts: Brillen deutscher Spitzepolitiker

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie die Bilder betrachten? »Auffallen?«, werden Sie vielleicht fragen, »was sollte mir daran schon auffallen? Gesichter eben, manche von ungesunder Blässe, andere übertrieben gebräunt. Und alle bebrillt. Gut, der Blick dahinter müde mitunter, aber auffallen? Nicht, dass ich wüsste …« Für den Anfang wäre das schon mal gut beobachtet. Dass die Gesichtsfarben teils etwas seltsam sind und die Blicke müde, wird verständlich, wenn man weiß, dass es sich samt und sonders um Politiker handelt, und zwar mehr oder minder Spitzenpolitiker. Wer hätte kein Verständnis dafür, dass man auch mal müde ist, wenn man 26 Stunden seines Tages dem Gemeinwohl opfert? Auch dass für Wahlplakate schon mal kräftig an den Photoshop-Reglern gedreht wird, um den solcherart erlahmten Kandidaten wieder auf die Beine zu helfen, wird keinen ernsthaft verwundern. Nein, das einzige, das hier ziemlich wunderlich wirkt, ist der offenbar herrschende kleinste gemeinsame Nenner bei der Bebrillung: als ob es ein Gesetz gäbe, das den Spitzenpolitiker zwingt, grundätzlich zur rahmenlosen Brille greifen, sofern er eine solche benötigt. Der absoluten Minimalbrille also, deren weitere Reduktion bereits die Kontaktlinse wäre.

Jetzt darf man getrost davon ausgehen, dass bei der Auswahl des Modells weder der persönliche Geschmack des Spitzenpolitikers noch der Preis der Brille noch deren Praxistauglichkeit maßgeblich sind, so romantisch läuft der Politikverkauf ganz sicher nicht. Wäre dem so, würden zumindest einige Politiker zu richtigen Brillen greifen. Entschlossene Brillen. Markante Brillen. Solche, die wir Kreativen bevorzugen, weil sie uns aussehen lassen wie echte Schlaumeier. Solche wie die hier beispielsweise:

Richtige Brillen

Sie erkennen den Unterschied – schwer zu erkennen ist er ja weiß Gott nicht. Was aber hindert nun den Spitzenpolitiker, der kreativen Zunft nachzueifern? Nun, in den meisten Fällen wird es sich dabei wohl um den verderblichen Einfluss von Medienberatern handeln. Hochbezahlte Leute, die ihren Klienten Dinge verraten, die im Grunde jeder weiß: »Achten Sie darauf, dem Gesprächspartner nicht ständig ins Wort zu fallen« beispielsweise. Oder für die Sonntagabend-Talkshow zu Kniestrümpfen raten statt Socken, weil das Aufblitzen von Streifen behaarten weißen Männerbeins zwischen Socke und Saum nichts ist, wonach der Fernsehzuschauer verlangt. Zum Glück steckt man ja nicht überall drin, andererseits braucht es nicht viel Vorstellungsvermögen, sich auszumalen, wie die Brillenentscheidungen zustande kommen:

»Die Brille geht gar nicht. Weil Brille signalisiert: ›Achtung alt!‹ Und das ist eindeutig suboptimal. Kein Mensch wählt Alte!«
»Alt? Aha. Und wie bitteschön soll ich Akten studieren, wenn ich nichts mehr erkenne?«
»Am besten mit Kontaktlinsen.«
»Habe ich ja schon versucht, die vertrage ich nicht. Da tränen mir die Augen.«
»Hm, das ist natürlich eindeutig suboptimal. Weil tränende Augen signalisieren: ›Achtung Heulsuse!‹ Und das ist eindeutig suboptimal. Kein Mensch wählt Heulsusen!«
»Also doch Brille?«
»Nur wenn es gar nicht anders geht. Aber nicht die dicke Hornbrille. Nicht nur, dass Sie damit alt aussehen, die Hornbrille signalisiert auch ›Achtung Oberlehrer!‹ Und das ist eindeutig suboptimal. Kein Mensch wählt Oberlehrer!«
»Gut, ich gebe zu: ein wenig altbacken mag das Ding ja wirken – schließlich trage ich sie schon seit 15 Jahren. Vielleicht einfach ein modischeres Modell?«
»Um Himmels Willen, nein! Auf keinen Fall modisch! Weil modisch signalisiert: ›Achtung Kasper!‹ Und das ist eindeutig suboptimal. Kein Mensch wählt Kasper!«
»Heulsuse, Oberlehrer, Kasper. Haben wir noch Alternativen?«
»Kaum. Das heißt – eine einzige: die rahmenlose Brille. Glas pur, jedenfalls fast. Die Brille, die der Nicht-Brille noch am nächsten kommt. Nicht zuletzt bedeutet Rahmenverzicht auch, bei der Auswahl des Rahmens nichts falsch zu machen. Außerdem tragen alle Spitzenpolitiker rahmenlos. Falls es sich um Brillenträger handelt, meine ich natürlich. Weil rahmenlos signalisiert: ›Achtung Spitzenkraft!‹ Und das ist eindeutig optimal. Jeder Mensch wählt Spitzenkräfte!«

»Tja-ha!«, werden Sie jetzt wahrscheinlich naseweis auftrumpfen, »aber was ist mit Ronald Pofalla?« In der Tat ist es so, dass Ronald Pofalla diesen kleinen Aufsatz nahezu verhindert hätte, weil er seine Kernthese zunichte zu machen drohte. Aber eben nur drohte, wie das genauere Studium seiner Brillenmetamorphose verrät:

Die Brillenmetamorphose des Ronald Pofalla

Bleibt im Moment also nur Oswald Metzger als unsicherer Brillenkantonist. Sicher ist, dass ihm Spitzenämter stets verwehrt blieben, obwohl es ihm weder an Ehrgeiz noch Fachwissen mangelt. Sicher ist auch, dass er immer eine richtige Brille trug. Der Verdacht, dass es einen Zusammenhang zwischen beiden Aspekten gibt, wird sich spätestens erhärten, wenn wir den rahmenlos bebrillt zum Spitzenpolitiker gereiften Metzger erleben dürfen – einiges spricht dafür, dass das nicht mehr so furchtbar lange dauern wird.

1 Christian Wulff (CDU), 2 Andrea Nahles (SPD), 3 Guido Westerwelle (FDP), 4 Volker Kauder (CDU), 5 Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), 6 Roland Koch (CDU), 7 Hermann Otto Solms (FDP), 8 Peter Struck (SPD), 9 Edmund Stoiber (CSU), 10 Reinhard Buetikofer (B90/Grüne), 11 Dietmar Bartsch (Die Linke), 12 Franz Josef Jung (CDU), 13 Claudia Roth (B90/Grüne), 14 Andrea Ypsilanti (SPD), 15 Peer Steinbrück (SPD), 16 Martin Scorsese (Regisseur), 17 Elton John (Musikant), 18 Eduard Zimmermann (XY), 19 Aristoteles Onassis (Maria Callas, Jackie Kennedy uvm.), 20 Philip Johnson (Architekt)

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