Die meisten Menschen greifen ja bekanntlich zu Microsofts Word, wenn sie daran gehen, einen Text zu schreiben. Auch der Umstand, dass Word ein ausgezeichnetes Beispiel vollkommen überdrehter Bloatware darstellt (Software, die extrem viel kann, zum Ausgleich aber nichts davon gut), vermag sie davon nicht abzuhalten. Zwar liegt uns jeder missionarische Eifer fern, aber falls Sie zufällig von Word die Nase voll haben, überdies mit MacOS X arbeiten und unabhängig genug sind, auch Kandidaten weit jenseits des Mainstreams eine Chance zu geben, dann hätten wir eine echte Entdeckung für Sie.
Das gute Stück stammt von den in Tel Aviv ansässigen Brüdern Ori und Eyal Redler und nennt sich Mellel (der vielleicht etwas seltsam anmutende Name ist die hebräische Entsprechung für »Text, Worte«). Dass sich hier etwas vollkommen anderes abspielt, als man von herkömmlichen Lösungen gewohnt ist (die sich meist ängstlich am großen Bruder orientieren), wird schon beim ersten Öffnen des Programms klar: selten war eine Oberfläche aufgeräumter, klarer, entspannter. Der »Brushed Metal Look« mag Geschmacksache sein, die auf das Wesentliche reduzierten Bedienelemente erlauben aber einen intuitiven Einstieg ohne langes Herumfackeln.

Ohne Gimmicks: Das Arbeitsfenster
Obgleich sich Mellel für jede Art von Text vom Brief bis zum Roman eignet, spielt es seine eigentlichen Stärken bei längeren wissenschaftlichen Texten, technischen Dokumentationen und ähnlichem aus. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die ausgereifte Gliederungsautomatik, die einzigartige Fußnotenverwaltung, die ersten wirklich guten Listenfunktionen, die man bisher erleben durfte und die atemberaubende Geschwindigkeit, die das Programm an den Tag legt, dabei ausgesprochen stabil und ohne jegliche Zicken und Abstürze läuft.
Eingehend sollten Sie sich mit dem Vorlagenmanagement beschäftigen. Das zugrunde liegende Konzept erscheint auf den ersten Blick nicht ganz einfach zu durchschauen, was aber mehr damit zu tun hat, dass man sich speziell zu diesem Thema an krude Dinge gewöhnt hat, von denen man sich erst einmal lösen muss. Mellel kennt Seiten-, Absatz-, Zeichen-, Listen-, Gliederungs- und Fußnotenvorlagen, die sich in »Format-Sets« zusammenfassen und in »Templates« speichern lassen. Das System ist durch und durch logisch, und sind die Vorlagen erst einmal eingerichtet, wird das Schreiben zum puren Vergnügen, die Zeiten, zu denen Sie sich nebenbei noch mit der Textverarbeitung herumärgern müssen, gehören der Vergangenheit an.

Alles unter Kontrolle: Absatzvorlage einrichten
Mellel ist eine lupenreine Cocoa-Applikation und greift demzufolge auf viele MacOS-Systemkomponenten zu. Dazu zählt etwa die Rechtschreibprüfung, deren Wörterbuch auch von Mellel aus zum »Dazulernen« veranlasst werden kann. Externe Wörterbücher sind jedoch ebenso einsetzbar wie Thesauruslösungen, außerdem arbeitet Mellel aufs Engste mit den Literaturverwaltungen Sente und Bookends zusammen. »Gut und schön«, werden Sie jetzt vielleicht einwenden, »ich bin aber auf den Austausch mit hartnäckigen Word-Benutzern angewiesen!« Selbst damit haben Sie kein Problem, Mellel öffnet und speichert auch .doc und .rtf-Formate.
Als ob das alles nicht schon prächtig genug wäre, setzen die Redler-Brüder dem Fass noch die Krone auf. Das sind nämlich zwei ausgesprochen nette Herren, die den engsten Kontakt mit den Benutzern suchen, und sinnvolle Verbesserungs- und Ergänzungsvorschläge nicht nur anhören, sondern auch zügig umsetzen. Und wenn Sie immer noch nicht überzeugt sind, dürfte Ihnen spätestens das Pekuniäre Tränen der Freude abringen: mit schlappen 39 Dollars sind Sie nämlich dabei. Nie war schieres Glück so günstig, das musste einfach mal gesagt werden.