
Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein Wahlergebnis, das trotz des Meinungsforschungs-Overkills niemand erwartet zu haben schien und schon am selben Abend wird, ganz pragmatisch, eine Koalitionsoption gehandelt, die noch vor einer Woche als undenkbar galt. War anfangs noch von der »schwarzen Ampel« (was immer das sein soll) die Rede oder der »Schwampel«, die sich schon verdächtig nach Kleinkind anhört, das gerade seine ersten Sprechübungen absolviert, fand man schon am selben Tag eine Chiffre, deren Assoziationsbogen ungeahnt heitere Vibrations hervorruft: die »Jamaika-Koalition«.
Ob sich das Modell durchsetzen wird oder nicht, dem Wortschöpfer – glaubt man der FAZ, liegt der Ursprung in den Koalitionsverhandlungen während der Dormagener Bürgermeisterwahl 2004 – darf bedenkenlos gratuliert werden.
Wer bis gestern noch Schwierigkeiten hatte, Dreadlocks, Reggae und karibische Unbeschwertheit mit den aktuellen Protagonisten in einen Zusammenhang zu bringen, dem hilft die Bildzeitung mit einem (gewohnt stümperhaft gemachten) Composing schon mal vorsorglich weiter:

Nun gut, das Ergebnis kann zwar nur bedingt überzeugen, angesichts der Worthülsen, mit denen uns politische Konzepte normalerweise angedient werden, ist die »Jamaika-Koalition« aber definitiv ein Quantensprung. Wir erinnern uns: Eine der größten Sozialreformen Deutschlands muss sich mit dem spröden Label »Hartz I-IV« begnügen und auch der drumherum gestrickte Rahmenplan wurde mit »Agenda 2010« so emotionsarm und technokratisch betitelt, dass man versucht ist, die Heizung höher zu drehen, weil es einen beim Hören plötzlich kalt umweht. Riester-Rente, Ich AG, Ein-Euro-Job, mal ehrlich: wer mag bei solchen Vokabeln schon in entzückten Jubel verfallen – zumal dann, wenn der so umhüllte Inhalt in vielen Fällen mit persönlichen Einschnitten einher geht?
Dass die schon wesentlich sonnigere »Jamaika-Koalition« den Aufbruch in eine neue begriffliche Verpackungskultur markiert, darf allerdings getrost bezweifelt werden, wesentlich wahrscheinlicher ist, dass es sich um eine Zufallskreation handelt, die als Gag ihren Siegeszug durch die Medienwelt antrat, ohne dass ihre Wirkung zuvor durchkalkuliert wurde. Ein Fall von genialem Dilettantentum also, der manchen Werkstätten, die übers Jahr für das Wortgeklingel zuständig sind, zu denken geben könnte.