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Stadtblogs und ihr Drumherum

Lassen wir mal dahingestellt, ob das Thema »lokale Blogs« gerade wirklich heiß ist, oder die Wahrnehmung uns böse Streiche spielt, weil wir dem erst allmählich flügge werdenden Stuttgart Blog im Moment sehr viel Zuwendung schenken. Beschäftigt damit haben sich in letzter Zeit jedenfalls einige Leute: Mathias Schlecker im Hauptstadtblog schon vor längerem, Sehpferd, Thomas Gigold, Nicole Simon und Peter Schink gerade neulich.

Die Idee ist weder brandneu noch besonders weit hergeholt: Bewohner einer Stadt schreiben über eben jene, Themen gibt es ja genug. Zudem bewegen wir in uns in einem Medium, in dem jeder zum Sender werden kann, es gibt also keinen Grund, die Deutungshoheit über das lokale Geschehen den etablierten Pressehäusern zu überlassen. Daraus den Anspruch abzuleiten, der Lokalpresse ernsthaft Konkurrenz zu machen, dürfte allerdings eher vermessen sein, ein Stadtblog wird schon hinsichtlich seiner Personal- und Recherchekapazitäten kaum mit den Tageszeitungen mithalten können. Bliebe noch die Alternative, dass Stadtblogs gleich von den Verlagen betrieben werden, nur: wozu? Was die angestammten Jounalisten schreiben, lässt sich schon den »normalen« Ausgaben entnehmen, also wird auch diese Lösung wieder darauf hinauslaufen, dass ein un- oder semiprofessioneller Parallelstrang geführt wird und dazu braucht es wahrlich keinen Verlag.

Aussichtsreicher scheint uns die Vorstellung, eine eigene Form zu finden, mit der man die Stadt behandelt. Immerhin ist sie kein homogenes Gebilde, sondern beherbergt in unserem Fall eine gute halbe Million Menschen mit einer entsprechenden Vielzahl von Positionen, Lebensentwürfen und Perspektiven. Wo die Zeitung sich um Objektivität wenigstens bemüht und eine redaktionelle Linie verfolgt, kann das Stadtblog versuchen, diese Heterogenität zum Prinzip zu erklären und entspannter Subjektivität Raum zu verleihen. Was jounalistische Beiträge nicht ausschließt, sondern als eine Option von vielen betrachtet. Ohne den Tag vor dem Abend zu loben, weht dem Stuttgart Blog inzwischen mehr Interesse und Wohlwollen entgegen, als wir anfangs zu hoffen wagten, womöglich ein Indiz, dass wir mit dieser Vorstellung nicht ganz falsch liegen – wiederum einer unter mehreren denkbaren.

Weniger inhaltlich als strategisch verfehlt ist unserer Ansicht nach der Versuch der Hamburger Agentur Adfire, die mit stadtblogs.de vor kurzem zum Großkampf blies. Unter diesem Dach sammeln sich zahlreiche Städte – als Karteileiche auch Stuttgart – die einzeln nach dem Muster »stadtname-blog.de« erreichbar sind. Dass der Versuch zumindest in Stuttgart scheitern wird, ist jedenfalls beschlossene Sache.

Damit ein Stadtblog auch nur minimale Chancen auf dauerhaften Erfolg hat, braucht es nämlich zunächst vor allem eins: Leute, die bereit sind, eine Menge Zeit und Energie aufzubringen, ohne dass sie dafür vorläufig mehr ernten als bescheidene Aufmerksamkeit. Genau da liegt der Knackpunkt – diese Menschen wollen erst einmal gefunden werden, was um so leichter fällt, je glaubwürdiger die »Aquise« verläuft. Glaubwürdig ist beispielsweise, erstens klar zu sagen, welche Ziele und Interessen man als Betreiber der Plattform verfolgt und sich zweitens an seine Ansagen zu halten. Bei stadtblogs.de bleibt schon Ersteres im Dunkeln, und der von Adfire verantwortete Betrieb ungezählter Spamschleudern wie dieser trägt kaum zur massiven Vertrauensbildung bei. Auch dass wir (gern) in Stuttgart leben und die Stadt uns am Herzen liegt, halten wir – mit Verlaub – für wesentlich überzeugender als eine bundesweit operierende Zentralverwaltung, der jede lokale Verhaftung fehlt und der die einzelne Stadt herzlich egal ist, weil für Werbepartner nun mal einzig schiere Masse zählt.

Was uns zu einer grundsätzlichen Frage führt. »Communities« gleich welcher Art werden als Werbeplattform erst interessant, wenn sich eine lebhafte Beteiligung entwickelt hat, im Klartext: der Inhalt wird von unbezahlten Freiwilligen geliefert und der Betreiber kassiert ab. Dagegen ist solange nichts einzuwenden, wie mit offenen Karten gespielt wird, dann kann jeder entscheiden, ob er zu den genannten Bedingungen mitmachen will. Die Verschleierung der Absichten halten wir hingegen für ein Zeichen mangelnden Respekts und sie verstößt gegen jedes Gebot von Fairness. Der gern genommene Hinweis auf Entwicklungs- und Betriebskosten kann immerhin schon zu Anfang erfolgen und muss nicht wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert werden, sobald die ganze Sache erst mal läuft.

Dass wir uns im Stuttgart Blog entschieden haben, auf Werbung zu verzichten, hat denn auch weniger damit zu tun, dass wir Werbung für prinzipiell verwerflich halten, sondern dass sie in einem unabhängigen Stadtblog nach unserem Dafürhalten nichts verloren hat, auch wenn die Nachbarn aus Backnang das für ein wenig übertrieben halten. Machen wir uns nichts vor: Wer zahlt, sagt an – je mehr, desto lauter, Zweifler mögen Fernseher oder Radio anschalten, da wird das Spiel bis zum Überdruss vorexerziert. Im Stuttgart Blog soll es möglich sein, über X herzufallen, ohne befürchten zu müssen, X würde zur Strafe seine Bannerbuchungen streichen, so einfach ist das.

Klar ist, dass wir uns als Herausgeber und Betreiber von vorneherein verdächtig machen – Agenturen stehen bekanntermaßen nicht im Ruf selbstloser Gutmenschen. Sicher, auch wir trachten nach Profit, würden wir das nicht tun, könnten wir nämlich heimgehen. Deswegen müssen wir aber noch lange nicht an jedem einzelnen Handstreich verdienen, sondern gönnen uns mitunter das schlichte Vergnügen, etwas in die Welt zu setzen und zuzusehen was daraus wird. Einfach so, weil wir es spannend finden. An den Betriebskosten werden wir ebenso wenig zugrunde gehen wie am Entwicklungsaufwand – die branchenüblichen Dröhnungen, was man damit Unglaubliches stemmt, fanden wir schon immer eher peinlich. Ohnehin ist unsere Rolle als Herausgeber mehr ein pragmatischer Akt als dass wir uns um sie gerissen hätten: Marschieren Sie mal mit einem Konzept durch die Gegend und versuchen, eine geeignete Institution zu finden, die gewillt ist, als Träger zu fungieren. Die Chance, dass Sie nach einem Jahr immer noch ohne jedes Ergebnis dastehen, beträgt nahezu hundert Prozent, wie wir schon einige Male erfahren mussten. Wir haben schlichtweg keine Lust mehr auf Verhandlungen mit Bürokraten, Zauderern und Bedenkenträgern, sondern fangen lieber schon mal an, mehr steckt nicht dahinter. Zudem schließt Non-Profit mitnichten aus, dass wir uns über PR-Effekte und sich aus dem Projekt ergebende Kontakte selbstverständlich freuen und daraus auch keinen Hehl machen. Also vergessen Sie das Gutmenschentum.

Dass Stadtblogs sich durchsetzen werden, halten wir für mehr als wahrscheinlich. Aber sie werden sich (wie alles Gesunde) von unten nach oben entwickeln – wer meint, daraus ein attraktives Business-Modell basteln zu können, wird scheitern. Was Leute wie Adfire augenscheinlich nicht begriffen haben: Blogs sind emanzipatorische Instrumente, die jeder halbwegs bewanderte Webschaffende mit überschaubarem Aufwand zum Laufen bringen kann. Und in jeder Stadt wird sich mindestens einer finden, der das mit Herzblut tun wird, darauf können Sie sich verlassen. Zentrale Großversorger, deren Wohl es primär zu mehren gilt, sind dabei so überflüssig wie ein Kropf.

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