Das Schlagwort »barrierefreies Internet« schwirrt zwar schon seit Jahren durch die Szenerie und gewinnt in jüngster Zeit spürbar an Gewicht, die meisten Menschen, die sich nicht im weitesten Sinn mit der Produktion von Websites beschäftigen, haben jedoch keine oder nur ungenaue Vorstellungen, was dahinter wohl stecken mag. Da die meisten Debatten zum Thema schnell in esoterische Programmierfragen abgleiten, verwundert die breite Unkenntnis nicht sonderlich, dennoch ist mindestens die überblicksartige Auseinandersetzung jedem dringend anzuraten, der Zeit und/oder Geld in die Internet-Publikation investiert.

Dass es irgendwas mit Behinderten zu tun hat, soviel schwant schon mal vielen. In der Tat sind Behindertenverbände an der Durchsetzung der Idee alles andere als unbeteiligt, in der Summe steckt in barrierefreien Websites allerdings wesentlich mehr als gute Taten zur Erbauung behinderter Menschen. Fangen wir mal ganz einfach an: Sie rufen eine Website auf. Was Sie sehen, ist gestaltete Information. Den reinen Informationsinhalt können Sie kraft ihrer gedanklichen Leistung erfassen, die äußere Gestalt der Information unterstützt diesen Prozess im besten Fall. Dass Sie z. B. eine Überschrift als solche erkennen, liegt daran, dass ihnen die entsprechenden Auszeichnungskonventionen (groß, fett, andersfarbig etc.) geläufig sind, sie haben also kein Problem mit der Zuordnung. So wie die meisten »normalen« Menschen, die vor »normalen« Bildschirmen sitzen, kaum Probleme mit der Informationsaufnahme bekommen werden. Dieser Blickwinkel ist allerdings sehr verengt, weil sich der Normalitätsbegriff sehr einfach relativieren lässt.
Wenn Sie z. B. jenseits der 40 sind, haben Sie eine gute Chance, zu klein geratene Schriften nicht mehr entziffern zu können. Der Informationsinhalt bleibt derselbe, seine Erfassung wird jedoch erschwert, wenn nicht unmöglich. Damit sind wir schon bei der simpelsten Variante einer Barriere, und Sie würden sich vermutlich empören, wenn wir Sie, Ihrer altersbedingten Weitsichtigkeit wegen, als »abnormal« bezeichnen würden. Ähnlich eindimensional ist die Vorstellung von »normalen« Bildschirmen bzw. Computern. Sie selbst benutzen wahrscheinlich mindestens zwei Alternativen, die am Informationsaustausch beteiligt sind: Drucker und Suchmaschinen. Greifen wir das einfache Bespiel der Überschrift nochmal auf, wird schnell klar, dass eine Suchmaschine, die Ihre kulturell bedingten Konventionen nicht kennt, wenig damit anfangen kann, dass eine Überschrift grün ist oder in Wirklichkeit aus einer Grafik besteht, die Text lediglich abbildet. Die Suchmaschine braucht die klare Ansage »Ich bin eine Überschrift«, fehlt diese, ist es irgendwas für sie, aber keine Überschrift. Die nahe liegende Schlussfolgerung würde also lauten, Schriften eben groß genug zu machen und Überschriften als solche zu kennzeichnen. Grundsätzlich liegen sie damit schon einmal gar nicht falsch, ganz so einfach ist es aber nicht, abgesehen davon, dass ein hoher Prozentsatz aller Websites nicht einmal diese Forderungen erfüllt.
Ohne zu einem historischen Exkurs aufbrechen zu wollen: Die Barrieren wurden aufgebaut, als das Web zum kommerziell dominierten Präsentationsmedium avancierte, und die wenigsten davon wurden bis heute abgebaut. HTML, die Basissprache, die jeder Website zugrunde liegt, wurde als reine Auszeichnungssprache konzipiert, mit der sich Informationen semantisch sinnvoll strukturieren lassen. Eine Überschrift, ein Absatz, eine nachgeordnete Überschrift, eine Aufzählungsliste, ein Zitat, eine Tabelle etc., Elemente also, die jeder Publizierende wie selbstverständlich benutzt. Ebenso selbstverständlich ist ihm, die Inhalte in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen, niemand stellt den z. B. den Hauptteil vor die Einleitung. Mit der Forderung nach knackig gestalteten Websites wurden diese elementaren Grundregeln schnell über den Haufen geworfen, anders war es mit HTML gar nicht möglich. Layouts, die diesen Namen verdienen, ließen sich am besten damit erzeugen, dass man das HTML-Element »Tabelle« missbrauchte, um die Anordnung der Inhalte zu erzwingen. Die logische Reihenfolge bleibt dabei zwar zwangsläufig auf der Strecke, kann aber von »normalen« Menschen vor »normalen« Bildschirmen kraft der schon erwähnten gedanklichen Leistung rekonstruiert werden. Wünschte der Auftraggeber den Einsatz seiner Hausschrift, die leider quasi niemand installiert hat, machte man eben eine Grafik mit genau der Hausschrift, und setzte die statt einer Überschrift ein. Kein Problem für alle »Normalen«.

Missbräuchliche Methoden wie die geschilderten gab und gibt es viele. Das Ergebnis ist, aus Sicht der unbestechlichen Maschine, schierer und sinnloser Datenmüll. Ohne die gedankliche Leistung eines an Konventionen gewöhnten Lesers ist er nicht zu verarbeiten und daher wertlos. Dies gilt übrigens bis heute für den Löwenanteil all dessen, was das Web bevölkert. Nun wird niemand die Notwendigkeit gut gestalteter Information ernsthaft bestreiten, Design ist ja mitnichten etwas Böses. Weil das auch den HTML-Sprachschöpfern klar ist, haben sie dafür vor einigen Jahren mit CSS eine eigene Präsentationssprache erschaffen, die sich ausschließlich ums Design kümmert und mit HTML aufs Wunderbarste zusammenspielt. Die Konsequenz: Die eigentlichen Inhalte können auf ihr logisches, semantisches Gerüst reduziert werden, das von jeder Maschine zweifelsfrei begriffen und interpretiert werden kann, während das Design ein Mantel ist, der diesem Gerüst übergestülpt wird, ohne dass der Inhalt davon (aus Sicht der Maschine) auch nur tangiert wird. Wird diese Trennung von Inhalt und Form konsequent vollzogen, sind schon sehr viele Barrieren abgebaut.
Wie so etwas in der Praxis aussieht, können Sie sehen, indem sie das Design dieser Seite einfach mal abschalten (eine nicht ganz barrierefreie Methode, die mit den meisten neueren Browsern funktionieren sollte):
Einmal davon abgesehen, dass sich mit CSS ein gestalterischer Spielraum eröffnet, der den traditionellen HTML-Missbrauch zu einem kargen, steinigen Acker werden lässt, bietet es auch die Option, unterschiedliche Ausgabegeräte gezielt anzusprechen. Es ist ohne weiteres möglich, Anweisungen zu erteilen, die nur für den »normalen« Bildschirm gelten, während Drucker, Mobiltelefone, Handhelds, Screenreader (und in Zukunft womöglich Kühlschränke und Mikrowellen) ihre jeweils eigenen, spezifischen Anweisungen erhalten. Wenn wir die eingangs getroffene Feststellung der »gestalteten Information« noch einmal abrufen, sieht diese jetzt so aus, dass der Informationsinhalt eine wohl strukturierte und damit universell gültige, frei formbare Rohmasse darstellt, die sich in beliebig viele unterschiedlich gestaltete Mäntel hüllen lässt, für jede Wetterlage den richtigen, um im Bild zu bleiben. Jeder, der schon einmal eine halbwegs umfangreiche Website traditioneller Prägung umgestaltet hat, weiß, dass er dabei quasi bei Null anfängt, weil Inhalt und Form zu einem zähen Brei vermengt sind, der kaum zu durchdringen ist, was je nach Umfang Wochen oder Monate in Anspruch nimmt. Mit der beschriebenen Methode der Trennung von Form und Inhalt lässt sich die Umgestaltung einer kompletten Website hingegen in Stunden oder Tagen vornehmen. Um diesen gravierenden ökonomischen Faktor drastisch auf den Punkt zu bringen: jeder, der heute noch etwas anderes macht, kann sein Geld auch gleich mit vollen Händen zum Fenster hinaus werfen, das können wir Ihnen auf Nachfrage gerne einmal vorrechnen.
Um auch die behinderten Menschen nicht aus den Augen zu verlieren: Barrierefrei im Sinne dessen, was Behindertenverbände fordern (und der Gesetzgeber den Behörden verordnet hat) ist eine Website damit noch nicht. Die einschlägigen Anforderungskataloge sind in mehrere Prioritätsstufen gegliedert und führen in Form von Checklisten auf, was dabei alles zu beachten ist. Die haarkleine Wiedergabe soll nicht Aufgabe dieses Artikels sein, im Anhang finden Sie bei Interesse geeignete Links. Im Wesentlichen geht es darum, einerseits Hindernisse zu vermeiden wie z. B. nicht veränderbare Schriftgrößen oder Orientierungsmerkmale, die auf reinen Farbkontrasten beruhen und Farbfehlsichtigen insofern nicht weiterhelfen. Andererseits werden eine Menge von Ergänzungsmöglichkeiten aufgezeigt, die Behinderten den Zugang zu Informationen erleichtern, seien es alternative Inhalte für Bilder, Flashfilme etc. oder Formulare, die auch motorisch Beeinträchtigten das Ausfüllen erlauben. Auch wenn solche Punkte sehr spezifisch auf Probleme eingehen, die den »Normalen« meist nicht geläufig sind, besteht der Kern ebenfalls in der Rückführung der Webseiten auf ein logisches, semantisch sinnvolles Informationsgerüst.
Fassen wir die einher gehenden Vorteile abschließend noch einmal zusammen: