Auch wer die Mathematik nicht zu seinen Spezialgebieten zählt, versteht, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine Gerade ist – poetisch Veranlagte nennen eine solche zuweilen auch »Luftlinie«. Falls Sie nun zu Fuß unser Büro erreichen möchten und aus der westlichen Ludwigstraße kommen, dann können Sie mindestens 20 bis 30 Sekunden vollkommen sinnloser Geherei einsparen, indem Sie den Durchgang rechts vom Gebäude Nr. 70 nutzen (Fortsetzung der grünen Linie), anstatt langwierig das Eckgebäude zu umrunden (rote Strichellinie):

Ihre Begeisterung über diesen echten Insider-Tipp wird sich vielleicht bereits ins Uferlose ausdehnen, leider kommen an dieser Stelle Faktoren ins Spiel, die nicht zu den unbestrittenen Zierden unserer Spezies zählen:

Was hier passiert? Nun: Fest steht, dass sich der zwischen den beiden Gebäuden befindliche Grund besitztechnisch nicht in zwei Hälften teilt, sondern ca. 3/5 davon zum Eckhaus zählen, und lediglich 2/5 zum Nachbaranwesen. Vermutlich um a) auch nach außen klare Verhältnise zu schaffen und um b) zu verhindern, dass sich das zum jeweiligen Nachbaranwesen zählende Gesindel unbefugt auf den fremden Fünfteln herumdrückt, wurden nicht nur feinsäuberlich Pfosten gesetzt, sondern diese Pfosten auch noch mit einem dünnen Drahtseil verbunden.
Weil beide Parteien auch noch ihre Müllcontainer in diesem Durchgang platzieren müssen, gerät der Weg hindurch zum leicht klaustrophobisch anmutenden Slalom, und wenn es dunkel ist, kann es schon mal passieren, dass Sie gegen das Drahtseil prallen – das sich genau genommen nur bei ausgesuchten Lichtverhältnissen zweifelsfrei erkennen lässt.
Unterm Strich können Sie demnach zwar Zeit und Körperkraft sparen, indem Sie die Abkürzung wählen, laufen aber gleichzeitig Gefahr, dass die Konfrontation mit diesen erschütternden Zeugnissen menschlicher Engherzigkeit und Kleingeisterei Ihre seelische Balance ins Wanken bringt. Körper oder Geist also, darauf läuft es letztlich hinaus.