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Logistische Schattenwirtschaft

Wer den Stuttgarter Westen kennt, weiß, dass es sich bei ihm größtenteils um ein sog. »Mischgebiet« handelt, ein Gebiet also, in dem zum einen gewohnt, zum anderen allerlei Tagwerk verrichtet wird, namentlich solches der stilleren Sorte, das die Lebensqualität der lediglich Wohnenden nicht über Gebühr beeinträchtigt. Nun operieren wir nicht nur in einem Mischgebiet, sondern auch noch in einem Mischgebäude, was heißt, wir arbeiten in ihm, während es den Nachbarn überwiegend als Raum zur Regeneration und/oder allgemeinen Freizeitverbringung dient. Eine Konsequenz dieser Aufteilung liegt nahe: Zu den üblichen Geschäftszeiten ist außer uns meist keiner anzutreffen.

Wie viele Paketsendungen pro Tag in Deutschland ausgeliefert werden, ließ sich auf die Schnelle nicht ermitteln, es ist aber bestimmt nicht übertrieben, wenn wir von ein paar Millionen ausgehen. Und weil unser Haus recht groß ist, finden sich quasi täglich wechselnde Teile seiner Bewohnerschaft unter den Empfängern eines oder mehrerer dieser paar Millionen Pakete. Da die Auslieferung der Pakete nur im Ausnahmefall (Hermes) außerhalb der üblichen Geschäftszeiten erfolgt, sind die Adressaten üblicherweise nicht anzutreffen, eine »ordnungsgemäße« Zustellung findet folglich so gut wie nie statt. Der täglich ein paar Millionen mal angestrebte Vorgang, eine Paketsendung von A nach B zu schaffen, scheitert also in x Prozent der Fälle an dem simplen Umstand, das B nicht zuhause ist. Und genau an der Stelle wird es interessant.

DHL – also die angestammte Paketpost, wenn man so will – bietet den Klassiker: Orangener Abholschein in den Briefkasten, der dem Empfänger ermöglicht, das Paket innerhalb von 7 Tagen gegen Vorlage eines Lichtbildausweises bei der nächstgelegenen Filiale abzuholen. Sofern man nicht gerade in entlegenen Gebieten wohnt oder im Urlaub weilt, mag das lästig sein, funktioniert aber immerhin. Zumal noch die Ausweichoption besteht, einen Bevollmächtigten mit der Abholung zu beauftragen. Bei Anbietern wie DPD, UPS oder GLS sieht das Ganze fundamental anders aus: die unterhalten keine Filialen, also gibt es auch keine Möglichkeit, etwas abzuholen. In der Regel hinterlassen sie die lapidare Mitteilung, am nächsten Tag wiederzukommen, wird auch dann niemand angetroffen, schließt sich am übernächsten Tag der goldene dritte Versuch an, damit ist der Vertrag in jedem Fall erfüllt – entweder indem das Paket endlich übergeben werden konnte oder es andernfalls eben wieder zurück an den Absender geschickt wird. Dem geplagten Empfänger obliegt es, wahlweise selbst Urlaub zu nehmen bzw. dafür zu sorgen, dass sonst wer den Tag mit Warten auf den Paketboten zubringt oder die »Hotline« anzurufen, um was auch immer für Sonderregelungen mit dem Dienstleister zu vereinbaren.

Höchstwahrscheinlich ist fast allen Beteiligten klar, dass dieses Modell ein ziemlich lebensferner Quatsch ist. Was allerdings noch lange nicht bedeutet, dass ernsthafte Alternativen erwogen würden. Ein gewichtiger Faktor nämlich blieb bislang außen vor: Der gute alte Nachbar, den es auch in der angeblichen Anonymität der Großstadt noch gibt. Solange wenigstens ein Vertreter dieser Spezies anwesend ist, lädt man einfach bei ihm alles ab, was abzuladen ist und setzt – wenn alles gut geht – den eigentlichen Empfänger davon in Kenntnis, damit er sein Hab und Gut bei Gelegenheit beim Nachbarn abholen kann. Wer würde nicht einräumen, dass dieser Weg sinnvoller ist, als stur drei Versuche abzuhaken, bei denen von vornherein klar ist, dass sie zu nichts führen? Auch im Fall von DHL ist es für den heimkehrenden Paketempfänger immer noch bequemer, zum Nachbarn zu gehen als zur nächsten Postfiliale. Gar nicht zu reden vom zwischenmenschlichen Aspekt, schafft doch kaum etwas so schnell und nachhaltig Sympathien, wie sich gegenseitig unter die Arme zu greifen.

Rekapituliert man die Strukturanalyse des ersten Absatzes, wird klar, dass in der Vogelsangstraße 20 fast ausschließlich uns die Rolle des Nachbarn im logistischen Sinne zukommt. In der Tat ist es keine Seltenheit, dass fünf und mehr Pakete bei uns herumstehen. Für jedes Paket leisten wir eine Unterschrift – der Zusteller hat damit seine Schuldigkeit getan und sich weitere (sinnlose) Fahrten ebenso vom Hals geschafft wie die Lagerhaltung, Rücksendung oder was auch immer sonst an Leistungen mit einer Paketsendung verbunden sein mag. Sogar die Verantwortung für die schlussendliche Übergabe hat er mit der Unterschrift an uns übertragen – man mag sich den juristischen Hickhack gar nicht vorstellen, der entstünde, wenn wir z. B. Opfer eines Brandes oder einer Überschwemmung würden, während sich ein fremdes Paket in unserer Obhut befände — haftungsrechtlich vermutlich eine ziemlich suppige Grauzone.

Sicher, es besteht kein Grund, den Teufel an die Wand zu malen, in erster Linie handelt es sich um eine nachbarschaftliche Gefälligkeit, die sich jeden Tag hunderttausend-, vielleicht auch millionenfach ereignet. Aus Sicht des Einzelnen also keinerlei Problem, zumindest gilt das für uns. Macht man sich allerdings klar, dass die Zustelldienste damit systematisch Teile dessen, wofür sie ihre Gebühren verlangen – Lagerung, Zustellung, Haftung – locker an im Grunde unbeteiligte Dritte übertragen, dann werden die hunderttausend- oder millionenfachen täglichen Fälle ganz schnell zum veritablen Wirtschaftsfaktor. Selbst wenn der geldwerte Vorteil, der dem Zusteller pro Nachbar und Sendung entsteht, nur einen einzigen schlappen Euro beträgt (was eher niedrig angesetzt sein dürfte), zeigt eine simple Multiplikation, dass so ein Zustelldienst eigentlich jeden Abend ein Stoßgebet gen Himmel schicken müsste, in dem er um die Gewogenheit und den ewig guten Willen des Nachbarn nachsucht – alles andere käme ihn verdammt teuer zu stehen.

Anmerkungen

  1. #1 | Silvana | 21.08.07, 17:22

    … ist alles ganz einfach. Zumindest bei mir in Berlin. Melde dich bei der Packstation an (www.packstation.de). Dann kannst du dir dorthin die pakete schicken lassen und rund um die uhr abholen. kein problem mit nachbarn oder postfilialen, öffnungszeiten oder verschwundenen paketen. kann ich nur empfehlen.

  2. #2 | Ralf Schmid | 21.08.07, 21:36

    Ja, die Packstation – eine schöne Methode, Filialen einzusparen. Für die Post. UPS, DPD und Konsorten haben aber keine Packstationen. Außerdem nützt es nichts, wenn wir uns bei der Packstation anmelden: wir sind ja wie gesagt immer bereit, wenn die ganzen Herrschaften mit ihren Paketen eintrudeln.

  3. #3 | Maegz | 22.08.07, 08:25

    Danke, ein Artikel, der mir aus dem Herzen spricht. “Lebensfern” trifft die Vorgehensweise der Logistiker am besten. Morgens sind nämlich nämlich die Empfänger meistens dort, wo der Bote auch gerade ist: Bei der Arbeit. Stur 3x hintereinander es um dieselbe Uhrzeit zuzustellen entbehrt wirklich jeder Vernunft. Und dabei machen GLS, DPD, Hermes und UPS keine Unterschiede. FedEx bringt es sogar fertig, 3x zuzustellen ohne eine Benachrichtigung zu hinterlassen. Als ich nach 3 Wochen beim Lieferanten nachfragte, stellte sich heraus, dass FedEx es einfach wieder zurückgeschickt hatte.
    Und die Packstation funktioniert natürlich nur, wenn es auch über DHL verschickt wird. Ich wünschte ich hätte solche Nachbarn, aber die arbeiten eben auch alle.

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